Ausstellung und Tagung, Frühjahr 2005

DER FEIND IM KOPF. Künstlerische Zugänge und wissenschaftliche Analysen zu Feindbildern

Tagung und Ausstellungseröffnung am 11. März 2005 in der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig.

Gäste der Ausstellung und Tagung "Der Feind im Kopf". Foto: Andreas Böhmig

Am 11. März 2005 hat der Leipziger Kreis die Ergebnisse seines Projekts DER FEIND IM KOPF vorgestellt. Eine Ausstellung zeigte verschiedene künstlerische Arbeiten; eine Tagung präsentierte in Form von Vorträgen die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen. Diese gleichzeitige Präsentation von wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten auf einer Veranstaltung soll verschiedene Zugänge zum Thema „Feindbilder“ eröffnen und eine facettenreiche Diskussion ermöglichen.

Der wissenschaftliche Teil des Projekts richtet den Blick zurück in die Geschichte: Fünf Einzelstudien untersuchen die (Re-)Konstitution von Feindbildern in der Umbruchszeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dabei wenden sich drei dieser fünf Studien der Situation in Deutschland zu und analysieren Feindbilder in Politik, Medien und Alltag: Die Untersuchung von Christian LOTZ arbeitet mit Quellen politischer Parteien und geht der Frage nach, mit welchen Begriffen die (partei-)politische Landschaft neustrukturiert und Feindbilder reorganisiert und stabilisiert wurden. Stefan JAROLIMEK, Sylvia WERTHER und Karen FRITSCHE untersuchen in einer vergleichenden Studie Feindbilder in Tageszeitungen aus Leipzig und Frankfurt am Main. Der Mikroebene wendet sich eine Studie von Katja NAUMANN zu, die anhand von Tagebüchern Leipziger Bürger individuelle Feindbilder im Alltag aufspürt. Durch die Anlage dieser drei Studien auf drei verschiedenen Ebenen (Parteien, Medien, Alltag) sollen zugleich Wechselwirkungen zwischen ihnen herausgearbeitet werden.

Dieser Perspektive, die sich auf Feindbilder in Deutschland bezieht, wird ein Blickwinkel entgegengesetzt, der die Deutschen als Feindbild zu erfassen sucht. Eine literaturwissenschaftliche Studie von Anne C. KENNEWEG analysiert das Bild der Deutschen im Werk des bulgarischen Autors Dimitar Dimov. Daneben untersucht Christhardt HENSCHEL in einer musikwissenschaftlichen Studie Feindbilder über die Deutschen in den Texten polnischer Lieder.

Indem einerseits diese beiden Sichtweisen eröffnet werden und andererseits die einzelnen Studien mit verschiedenen Methoden und Quellengruppen operieren, sollen Antworten auf folgende Kernfragen gewonnen werden: Welche Feindbilder werden in verschiedenen sozialen und kulturellen Räumen artikuliert? Von welchen Kontinuitäten und welchem Wandel sind Feindbilder in Umbruchs¬zeiten geprägt? Welche Einsichten ergeben sich bei der Analyse von Feindbildern aus einer transdisziplinären Kombination der Methoden?

Links: Thomas Klemm und Christian Lotz bei der Eröffnung; rechts: Während des ersten Vortragspanels. Fotos: Andreas Böhmig

Eine Pluralität inhaltlicher und methodischer Fragen formuliert auch der von Thomas KLEMM kuratierte künstlerische Projektteil. Dieser problematisiert den Umgang mit der Bildlichkeit des Feindbildes und arbeitet den ikonischen Aspekt in der Entstehung, im Umgang und in der Tradierung von Feindbildern heraus: Mit verschiedenen Techniken des künstlerischen Gestaltens wird das Entstehen von Feindbildern in jenem Raum zwischen Gleichgültigkeit und Abneigung betrachtet, in welchem die Ursprünge von Feindbild-Zuschreibungen vermutet werden.

Diesen Ursprüngen direkt am Individuum nachzuspüren und damit die Rolle von Feindbildern als wichtige Elemente bei der Auslegung von Welt vielschichtiger zu charakterisieren, ist hier die wesentliche Zielstellung. Dabei lassen sich unterschiedliche semantische Zugänge formulieren: Ein Bereich ergründet die Instrumentalisierung und Produktion von Feindbildern als auch ihre Organisation durch einflussreiche Akteure. Verena LANDAU beispielsweise setzt sich in diesem Zusammenhang mit dem Feindbild des Managers als Kunstbenutzer und Kunstkäufer auseinander. Ein zweiter thematischer Komplex erhellt die individuelle Generierung und Rezeption von Feindbildern. So macht beispielsweise Andreas BÖHMIG in seinem Projekt die Typisierung von Feindbildern auf Demonstrationen und Kundgebungen zum Thema. Schließlich fasst ein dritter Bereich Arbeiten zusammen, die sich mit der Manifestation von Feindbild-Vorstellungen und ihren materiellen und textlichen Erscheinungen in der Lebensumwelt beschäftigen. Vor diesem Hintergrund rückt etwa das Projekt von Sebastian PAUL das Motiv der Mauer als symbolische und architektonische Manifestation von Ein- und Ausschlussmechanismen ins Zentrum.

Ein Zusammengehen von Kunst und Wissenschaft, wie es der Leipziger Kreis auch im Rahmen dieses Projekts verfolgt, bedeutet keine Konkurrenz der Resultate. Die einzelnen künstlerischen Werke ebenso wie die wissenschaftlichen Studien eröffnen jeweils spezifische Sichtweisen auf Feindbilder. Eine gemeinsame Präsentation zielt daher auf ein ebenso umfassendes wie differenziertes Verständnis der Thematik.

Die Ausstellung wird zur Tagung am 11. März 2005 eröffnet und bleibt für sieben Tage in der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu sehen.

Das Projekt wird unterstützt von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Werner-Reimers-Stiftung, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen sowie der Universität Leipzig und der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.