Christian Lotz / Katja Naumann: Ein fragmentiertes Gedächtnis.

Die konfliktreiche Auseinandersetzung um die geteilte deutsche Geschichte anhand von Gästebüchern historischer Ausstellungen.

Mit einem Beitrag von Bernd Faulenbach, einem Konzept für ein Bühnenstück von Ilke Schulz und einem Kommentar von Thomas Klemm. Leipzig 2004.

Studien des Leipziger Kreises. Forum für Wissenschaft und Kunst, Band 3.

ISBN 3-9808435-3-X, 94 Seiten, 8 s/w-Abbildungen, 10,00 Euro.

Aus dem Vorwort

Der vorliegende Band ist das Ergebnis zweier Arbeiten – einer wissenschaftlichen Untersuchung zum kommunikativen Gedächtnis und einem Konzept für ein Bühnenstück unter dem Titel „Kindheit(en)“ – die ursprünglich einen getrennten Anfang genommen hatten. Über mehrere Projektpräsentationen wurden beide jedoch in eine gemeinsame Diskussion verwickelt, die es lohnenswert erscheinen ließ, auch eine gemeinsame Veröffentlichung auf den Weg zu bringen.

Die wissenschaftliche Analyse thematisiert die Auseinandersetzungen
um die Erinnerung an die geteilte deutsche Geschichte und fragt in dieser Hinsicht nach der Gestalt des kommunikativen Gedächtnisses in Deutschland in den Jahren 1999 und 2000. Das künstlerische Werk verdichtet in Rauminstallationen Erinnerungsformen an Kindheiten. So unterschiedlich beide Herangehensweisen ihren Weg zum Thema Gedächtnis und Erinnerung bahnen, so zahlreich ergeben sich Berührungspunkte und Reibungsflächen. Indem beide Arbeiten nebeneinander erscheinen, sollen dem Leser und Rezipienten sowohl ein wissenschaftlicher als auch ein künstlerischer Zugang zu diesem Thema eröffnet werden – ein Ansatz, den der Leipziger Kreis. Forum für Wissenschaft und Kunst in seiner praktischen Arbeit erprobt.

Aus der Zusammenfassung des wissenschaftlichen Teils

Die zu Beginn der Analyse aufgegliederten Untersuchungsebenen sollen im folgenden zusammengeführt werden. Dazu sind die Aussagetypen, die anhand der einzelnen Teilfragen – also nach den Lesarten (II.2.2.), nach den Themen (II.2.3.) sowie nach den Deutungen (II.2.4.) – herausgearbeitet werden konnten, miteinander überkreuzt worden, um aus dem Zusammentreffen einzelner Aussagetypen in einem Gästebucheintrag ein Erinnerungsmuster zu rekonstruieren. Dieser Begriff des „Erinnerungsmusters“, der an dieser Stelle neu eingeführt wird, bezeichnet eine Ordnungseinheit innerhalb des ‚kommunikativen’ Gedächtnisses, die aus Einträgen mit hinreichend ähnlichen Eigenschaften gebildet wird. In dem so verstandenen Sinne lassen sich insgesamt fünf Gruppen von Einträgen herausarbeiten, die durch jeweils verschiedene, ja teilweise gegensätzliche Erinnerungsmuster charakterisiert sind:

Ein Erinnerungsmuster, dessen Trägergruppe wahrscheinlich im Kern aus Regimegegnern und Oppositionellen besteht, bezieht sich vor allem auf das in der DDR erfahrene eigene Leid, auf die Mauer, die Staatssicherheit und die Repressionen. Dieses Muster wendet sich zudem sehr resolut gegen ein wie auch immer geartetes romantisierendes Verständnis der ostdeutschen Geschichte.

Diesem Erinnerungsmuster gegenüber steht ein zweites, dessen Kerngehalt sich vor allem aus den sozialen Seiten des Alltagslebens in der DDR speist, die in erster Linie fröhlich und zwanglos erscheint. Sehr deutlich wird dabei die Darstellung von Alltagsfacetten der DDR eingefordert, wenngleich wenig auf konkrete Gegenstände oder Erlebnisse verwiesen wird. Interessant ist zudem, daß sich in den Einträgen dieses Erinnerungsmusters sowohl scheinbar unpolitische Haltungen als auch deutliche, zum Teil divergierende politische Stellungnahmen finden lassen.

In einigen Zügen nicht unähnlich, gleichwohl jedoch grundverschieden ist ein drittes Erinnerungsmuster, das von einer spezifischen Generation getragen wird und zwar von jenen, die in den späten 1970er und 1980er Jahren geboren wurden, und die die Zeit der deutschen Teilung als ihre eigene, buchstäblich ‚unschuldige’ Kindheit erinnern. Hier werden vor allem konkrete Gegenstände hervorgehoben oder Erlebnissituationen rekapituliert; an mehreren Stellen wird zudem das vollständige Verschwinden dieser Kindheit aus dem jetzigen Lebensumfeld als Verlust empfunden.

Ein viertes Erinnerungsmuster zeichnet sich dadurch aus, daß der Antifaschismus in der DDR nicht als „verordnet“161 erscheint. Diese Gruppe äußert scharfe Kritik an der fehlenden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik. Eine Teilmenge dieser Gruppe – dies erscheint lohnenswert, gesondert herausgestellt zu werden – artikuliert ein Erinnerungsmuster, das zudem den Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus verstanden wissen will und das auf den spezifischen linksalternativen Charakter zahlreicher Oppositionsgruppen in der DDR sowie auf das Verbot der Kommunistischen Partei in Westdeutschland verweist.

Ein fünftes Erinnerungsmuster schließlich fokussiert aus einer eher abwägenden Haltung auf die Vergangenheit, in der positive wie negative Facetten erkannt werden, von der aus jedoch in erster Linie eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft gestaltet werden sollte.

Kein eigenes Erinnerungsmuster in dem hier verwendeten Sinne wird von einer Anzahl von Einträgen gebildet, deren Aussagen gleichsam quer zu den vorgenannten fünf Gruppen liegen, indem sie die Geschichte und das in den Ausstellungen Dargestellte reflektieren. Diese Einträge fragen nach der Tatsächlichkeit des eigenen Erlebens, sie äußern Bedenken über die Auswahlkriterien für Darstellungen von Geschichte und denken über die Möglichkeit einer Erinnerung an alle Facetten vergangener Wirklichkeit nach. Zudem zeichnet sich diese Gruppe durch eine nüchterne Haltung gegenüber den Konstruktionsmechanismen der Geschichtsschreibung aus.