Vortrag – Kommentar – Diskussion, Juli 2002

Die Figurengruppe Fritz Cremers in der Gedenkstätte Buchenwald im Spannungsfeld zwischen staatlicher Erinnerungspolitik und künstlerischem Geltungsanspruch.

Vortrag – Kommentar – Diskussion, 10. Juli 2002.

Mit der Eröffnung der “Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald” 1958 schuf sich die DDR einen Erinnerungsort, der in seiner Konzeption den Umgang des östlichen Teils Deutschlands mit seiner Geschichte entscheidend prägte. Ein langes Ringen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Entwürfen ging dem Ereignis voraus. Dabei wurde nicht zuletzt deutlich, daß das hier gefundene Konzept der Erinnerungsarbeit weit mehr war als die Vergangenheitsbewältigung der Jahre des Nationalsozialismus.

Vielmehr kristallisierte sich heraus, daß die Sicht auf die Vergangenheit für die DDR nur im Rahmen einer übergeordneten, zentralen Konzeption einer symbolisch repräsentierenden, zukunftsorientierten Entwicklungslinie Platz finden sollte. Damit wurde aus der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus eine Legitimationsgrundlage für die Existenz der DDR als explizit antifaschistischer Staat geschaffen.
Für die Arbeit Fritz Cremers zur Gestaltung der “Nationalen Mahn- und Gedenkstätte” hatte diese Erinnerungspolitik wesentliche Einflüsse.

Cremer, nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft Dozent für Bildhauerei in Wien, kehrte 1950 nach Deutschland zurück und entschied sich bewußt für die DDR. Als Kommunist glaubte er, nur in diesem Teil Deutschlands sein künstlerisches Schaffen wirksam werden zu lassen und in neue Richtungen weiterentwickeln zu können. Doch diese prinzipielle Bereitschaft, den jungen Staat mit aufzubauen, kollidierte häufig mit den Ansichten der Kunstpolitik, die einzig den opportunistischen und Parteirichtlinien folgenden Künstler forderte. So wurde Cremers erster Vorschlag zur Gestaltung der Gedenkstätte abgewiesen, da er künstlerisch sehr reif, ideologisch jedoch unakzeptabel gewesen sei.

Von der Kunst wurde hier keine (den Rahmen der Parteirichtlinien überschreitende) Progressivität, geschweige denn Provokation mehr gefordert, sondern einzig ein opportunistisches und dabei didaktisches Verhalten bei Verbreitung des politisch oktroyierten Geschichtsbildes, welches in der Darstellung des Sieges den eigentlichen Gehalt des Denkmals verorten wollte. Erst nach einigen weiteren Entwürfen und einer langen künstlerischen Entwicklungsperiode konnte schließlich die elfköpfige Figurengruppe entstehen, die der Denkmalsanlage bis heute ihre Form gibt.