Katja Naumann / Christian Lotz / Thomas Klemm: Eine Zweite Öffentlichkeit?

Zur Verbreitung von Untergrundliteratur während der 80er Jahre in Leipzig.

Erste Auflage: Edition Leipziger Kreis, Leipzig 2001, vergriffen.
Zweite Auflage: Edition Leipziger Kreis, Leipzig 2004.

Studien des Leipziger Kreises. Forum für Wissenschaft und Kunst, Band 1.

ISBN 3-00-007 608-5, 125 Seiten, 10,00 Euro.

Zusammenfassung des wissenschaftlichen Teils

Die Zweite Öffentlichkeit der inoffiziellen Zeitschriften kann als eine Teilöffentlichkeit neben und in der Zweiten Öffentlichkeit der Veranstaltungen von politisch alternativen Gruppen in, um und neben der evangelischen Kirche sowie von Künstlern in eigenen Lesungen und Ausstellungen verstanden werden. Die Entwicklung von Untergrundliteratur und Zweiter Öffentlichkeit beginnt in Leipzig 1981 und bringt bis zum Herbst 1989 acht Zeitschriften mit insgesamt ca. 120 Ausgaben sowie zahlreiche Einzelveröffentlichungen in Auflagenhöhen zwischen 15 und 300 Stück hervor. Diese Untergrundzeitschriften werden auf dem Postweg oder durch eigene Kuriere sowie auf Veranstaltungen von Hand zu Hand verteilt.

Zunächst entsteht mit den STREIFLICHTERN ein Informationsheft der Umweltbewegung und ab 1984 durch die KONTAKTE ein Terminblatt der politisch alternativen Gruppen. Bis Mitte der 80er Jahre erreichen letztere ca. 60 bis 70 Gruppenmitglieder, sowie die STREIFLICHTER etwa 60 Leser in Leipzig, von denen nur einige den Gruppen angehören.

Literatur, die ohne den Aufdruck “innerkirchlich” erscheint, gibt es in Leipzig seit 1984 mit dem ANSCHLAG. Anders als bei den “innerkirchlichen” Publikationen ist die Öffentlichkeit des ANSCHLAG auf den Autorenkreis und dessen enge Umgebung beschränkt. Auch als ab 1987 GLASNOT und ZWEITE PERSON herausgegeben werden, bleibt deren Zweite Öffentlichkeit weitgehend auf den Kreis der Autoren und Herausgeber beschränkt, da die Auflage all dieser Hefte beinahe vollständig als Belegexemplar von den Autoren selbst abgenommen wird. Hiervon bildet lediglich die ZWEITE PERSON in so fern eine Ausnahme, als daß sie durch eine größere Auflage einen größeren Leserkreis erreicht, der jedoch bemerkenswerter Weise außerhalb Leipzigs liegt.

Während sich 1986/ 87 eine politisch alternative Publizistik in Berlin entwickelt, differenziert sich zwar die Leipziger Szene der Gruppen, deren Publikationstätigkeit hingegennimmt ab. Dies ändert sich schlagartig nach den Ereignissen um die Berliner Umweltbibliothek und zur Luxemburg-Demonstration: Ab Frühjahr 1988 erlebt die politisch alternative Publizistik einen bis dahin ungekannten Aufschwung, der sich in monatlich erscheinenden STREIFLICHTERN, zwei-monatlich erscheinenden KONTAKTEN, einer Neugründung (SOLIDARISCHE KIRCHE), sowie allgemein steigenden Auflagenhöhen niederschlägt.

Das Bild für die Jahre 1988/ 89 zeigt einen publizistischen Kern von ca. 20 bis 30 Personen, die als Herausgeber der insgesamt acht Zeitschriften fungieren und unter denen auch – MESSITSCH und SNOBOY ausgenommen – in so fern ein Austausch stattfindet, als daß Herausgeber einer Zeitschrift auch als Autoren einer anderen Zeitschrift auftreten, und zwar sowohl unter den künstlerischen und unter den politischen, wie auch zwischen den künstlerischen und politischen Redaktionen.

Um diesen Kern herum gruppieren sich in Leipzig (erstens) eine STREIFLICHTER-Leserschaft von ca. 200 Personen; und (zweitens) eine KONTAKTE-Leserschaft von etwa 150 bis 200 Personen, von denen ca. 40 bis 50 auch Empfänger der SOLIDARISCHEN KIRCHE sind. Unter den STREIFLICHTER-Lesern sind nur sehr wenige, die zugleich auch die KONTAKTE, und nur einige die SOLIDARISCHE KIRCHE empfangen.

Die künstlerischen Hefte bieten für 15 bis 20 Herausgeber eine regelmäßige Publikationsmöglichkeit in drei Heften (ANSCHLAG, GLASNOT, ZWEITE PERSON); um jede dieser drei Zeitschriften gruppierte sich ein um ein vielfaches größeres Umfeld von Autoren (120, 40 bzw. 50), die recht eng an ihre jeweilige Zeitschrift in der sie veröffentlichen, gebunden bleiben.

Seit Erscheinen von Untergrundliteratur fungieren die Veranstaltungen der politisch-alternativen Gruppen wie auch der künstlerischen Szene als zweite öffentliche Räume, und zwar sowohl zur Verbreitung von inoffiziellen Zeitschriften wie auch als Forum der direkten Rede. Das Verhältnis von Zeitschriftenöffentlichkeit zur Veranstaltungs-Öffentlichkeit wandelt sich grundlegend, als durch den Massenzulauf in die montäglichen Friedensgebete seit Anfang 1988 ein regelmäßiges und zudem noch zahlenmäßig größeres Auditorium entsteht, das im Schutzraum der Kirche direkt angesprochen werden kann. Die Zweite Öffentlichkeit der Zeitschriften bildet sich daher ab Anfang 1988 als eine Teilmenge der Veranstaltungs-Öffentlichkeit ab.